„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.„
(Nietzsche)

Das „Nichtkönnen können“…
Kunst kommt nicht von „können“, sie kommt von „gönnen“. Althochdeutsch kommt sie von „chunst“ und war verwandt mit dem Wort „Gunst“, sowie dem englischen „craft“ (Handwerk / Geschicklichkeit). Im antiken Griechenland war sie eine „téchne“, die Hand und Kopf, Körper und Geist miteinander verband. Sie voneinander zu trennen kam niemand in den Sinn. Ähnlich in China, wo das spontane „Tun ohne Tun“ als das „Nichtkönnen können“ zur Kunst wurde und als „WuWei“ bis heute gelehrt wird.
Der buchstabengenaue Sprachgebrauch „Kunst kommt von Können“ taucht erst im 16. Jahrhundert im Mittelhochdeutschen auf, als es dem Handwerk nicht mehr vergönnt war Kunst zu sein. Kunst war fortan Kopfsache, erhob sich als „schöne Kunst“ über das profane Handwerk, das lediglich Gebrauchswert produziert. Während der erhabene Selbstzweck dem intelligiblen Verstand vorbehalten ist, der das Heilige produziert. So wurde die Malerei zur „Ziererin der Bildhauerei“ (Winkelmann) und die Hand war nun nicht mehr der Animateur, der mit horizontalem Gewissen das Gehirn herausbildet. Fortan zivilisierte (kolonialisierte) der Verstand mit der Vertikalspannung der Kopfarbeit die Hand.
Dieser Quantensprung von der Emotionalen Intelligenz (EQ) des Nichtwissens zur Kognitiven Intelligenz (IQ) des Wissens, aus dem die Hochkultur der Moderne sich begründet, wird getragen vom „Willen zur Macht“, von dem Willen im Menschen Macht über Leben und Tod zu erlangen. Der kehrt sich selbst notwendig um, indem die Allmacht weder den Lebenden noch den Toten, noch den Maschinen gegeben ist. So folgt dem Weg nach oben, der Weg nach unten auf dem Fuß. Aus der Absicht wird das Absichtslose, aus der Perfektion das Spontane, aus dem Plan der Zufall. So konfrontiert uns die Nicht-Kunst mit dem spontanen Fluss der Autopoiesis, den die Kunst noch als Natur versus Kultur diskutierte. Denn der Logos der nonverbalen Selbstentfaltung wird weder geboren, noch kann er sterben, bleibt intrinsisch, ist im Gegensatz zur extrinsischen Logik Nicht-Wissen statt Wissen. Nicht mehr das Wissen, das Nicht-Wissen ist jetzt das Höchste. Denn nur in ihm bilden Emotion und Vernunft eine Einheit, indem die spontane Tat statt dem reflektierten Wort den Ton angibt. So wird aus der Poesie die Autopoiese sind Körper und Geist die Pole des Lebens.
In der Auseinandersetzung mit der Kunst der Hochkultur wurde die moderne Kunst, wie Heidegger beobachtete, so zum „Kunst-ent-eignis“. Zur Enteignung der Kunst von der Wahrheit. Diente die Kunst einst dazu, Gott als Wahrheit zu behaupten, lieferte sie in der Moderne durch das Sichtbarmachen des Unischtbaren das Haupt für den Nachweis des Beweises. Bis sie sich von der Wissenschaft enthauptet mit dem Label „Moderne Kunst“ als Gegenkultur behauptete. „Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“, sagte daraufhin Picasso. Und das fernöstliche WuWei lehrt seit Ewigkeiten: Nicht-Kunst fragt nicht nach Wahrheit, das macht Sinn.
Den entdeckt Heidegger in den Bildern von Paul Klee, der, wie später auch Miro in Spanien, kollektiv reflektierte Symbole in persönliche verwandelte, in denen Heidegger „Aletheia“ sah. Das ursprüngliche Verständnis im Altgriechischen von Wahrheit als „Unverborgenheit“. Im Unverborgenen sind Sinn und Wahrheit noch nicht durch den Beweis voneinander getrennt. Sie offenbaren eine unnachahmbar plausible Ordnung vor der Festlegung durch das Wort oder die Zahl.
So schützt uns die Kunst vor der Behauptung einer Wahrheit, ob durch einen Gott oder den Beweis begründet, indem sie uns mit Dionysos vor Apoll, mit dem Gott des Tanzes vor dem Gott der Vollendung bewahrt, die sich kunstvoll aus der Natur herauslöst und über sie erhebt. Sodass der Wahn-Sinn zurück zum Sinn, zur Nicht-Kunst führt. So ist die Autopoiesis eine Kehre. Keine Heimkehr zu Gott. Eine Einkehr in das „Jenseits von Gut und Böse“ (Nietzsche), den Himmel der „erweiterten Denkungsart“ (Kant). Von der Entfremdung des Menschen durch die Logik der künstlichen Intelligenz, zum körperlich gebundenen Logos der natürlichen „téchné“.
Eine Kehre vom absoluten Ich der schönen Künste zum Nicht-Ich der Autopoiesis. Ein Ja zum Wir der Intersubjektivität, mit der sich das digital der Zahl, wörtlich vom digitus dem Zeigen des Fingers oder des Zehs abstammend, vom Begriff zum Begreifen umkehrt. Sodass unser Wissen sich vom Kopf auf die Füße stellt und ungewollt die Umkehr von der übermenschlichen Technik zur „téchne“ in uns weckt. Sodass wir die KI endlich als Ko-Evolution verstehen, die sich der Evolution unterordnet und nicht über sie erhebt, wie es das westliche Denken aus dem Silicon Valley ist.

