„Die Idee der Untersuchung (…) ist wahrscheinlich der größte Fehler der modernen Kunst.“
(Picasso)
Die Gestalt verbirgt sich, indem sie sich zeigt
Mein Denkweg
Die Gestalt ist. Sie ist da. Teilchen, Welle, Fluss, Wind, Licht, Klang …
Doch wir sehen, hören, riechen, schmecken sie nicht.
Denn die Gestalt hat keine Form, sie ist eine Bewegung.
So sehen wir sie geistig, indem wir sie mit den Händen oder dem Verstand gestalten.
Doch nicht, indem wir sie gestalten können.
Indem wir mit ihr gestalten, entbirgt sich die Gestalt.
Das Licht aus dem Schatten, der Wind aus der Ruhe, die Welle aus dem Meer, das Teil aus dem Ganzen, der Fluss aus der Quelle, der Klang aus der Stille.
So bleibt die Gestalt in der Form verborgen, indem sie sich als ihr Gegenteil entbirgt.
Damit entzieht sich die Gestalt dem Wissen und wird von keinem Begriff erfasst.
Nie geboren, nie gestorben ist und bleibt sie ewig.
Ewig das Nichtwissen.
„So ist das Leben“, sagen wir.
Denn die Gestalt ist unser Leben.
Und als Lebende wissen wir nicht, was das Leben ist, und können mit den Verstorbenen darüber nicht sprechen.
So will die Gestalt Mensch, weil sie sich erinnern kann, wissen, wer und was sie ist, und behauptet sich dafür auf zwei Beinen stehend mit Kopf und Fuß als Chronist.
Bevor das Archiv entstand, kannte der Mensch nicht diese Eigenart. Er nahm sich nicht so wichtig.
Oder dachte mit Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.
Das änderte sich, als der Mensch mit der Erfindung von Schrift und Zahl in die Zeit eintrat.
Mit ihr trennte sich das Reich des Menschen nicht nur vom Reich der Tiere. Auch im Reich der Menschen trennte das absolute (gebildete) Ich sich vom niederen (ungebildeten) „homo animalis“.
So ist die Dualität und mit ihr die Zuspitzung der Differenz, Geschlecht, Rasse, Klasse… , das absolut Gute wie das absolut Böse im Streben des Menschen nach einer zweiten Natur vollendeter als die erste, notwendig angelegt.
So wurde jeder Fortschritt in die Kultur als zweite Natur blutig erkämpft.
Der Fortschritt in das Über-Ich als den alleinigen Gott mit Missionierungskriegen.
Die Aufklärung von eben diesem Gott durch das absolute Ich auf Erden.
Die Kolonialisierung der Kontinente durch das absolute Ich.
Die Entfaltung des Imperialismus durch die Ausbeutung ihrer Rohstoffe.
Die Industrialisierung des Krieges zur Neuaufteilung der Welt.
Und dabei immer wieder die Überschreitung der Grenzen der Belastbarkeit des Planeten Erde, mit dem ehrenden Ziel Wohlstand für alle.
Tatsächlich werden die Reichen immer reicher und die Armen können sich nur durch Überbevölkerung am Leben erhalten.
Weil dem so ist, verspricht nun die Ko-Evolution der KI dem Menschen eine „dritte Natur“.
Die Besiedlung des Weltraums durch eine Evolution auf dem Mars.
Könnten die Berge als die ältesten Zeugen der ersten Natur sich vor Lachen schütteln, wäre der Mensch fortan ein schräger Vogel, der kein Boden unter seinen Füßen hat.
So absurd hat Camus nicht denken können, als er dachte, das Leben sei absurd.
So absurd ist der Mensch geworden. So absurd haben ihn die schönen Künste, die Kunst, sich ein künstliches Leben zu erschaffen, gemacht.
So notwendig ist es heute, aus diesem Wahnsinn auszusteigen und wieder eine Nicht-Kunst zu schaffen, die nicht ihren Platz im Archiv, ihren Platz im Leben hat.
Das Leben lebt, egal ob der Lebende lebt. Es ist mehr, als der Lebende erleben kann.
Das Leben ist unser Nichtwissen. Das Nichtwissen ist das Größte, ihm hinkt jedes Wissen nur hinterher.
Wir können es nicht wissen, wir können es nur durch unser Nichtkönnen berühren. Schon ist es im Wissen verschwunden.
Wissen ist Macht und Nicht-Wissen die Freiheit, unser Glück, die Liebe und das Schöne.
So wissen wir es alle und handeln nicht danach.
So wissen wir alle, dass die Menschheit am Abgrund steht und fürchten, dass der Fortschritt in den Abgrund uns leichter fällt als die Kehre.
Denn das Leben, so wissen wir aus Erfahrung, kennt nur eine Richtung. Es schreitet voran.
Und das Voranschreiten ist der Fortschritt. Zurück ist der Rückschritt.
So schließt die Logik den Widerspruch aus und denkt sich das Leben wie eine Rakete bis ins Ziel linear.
Doch was ist, wenn das Leben nicht nur widersprüchlich auch noch kreisförmig ist?
Dann wäre der Anfang identisch mit dem Ende und das Ende identisch mit dem Anfang, obwohl es in sich linear ist und bleibt.
Dann ist ein Fortschritt immer auch Rückschritt und ein Rückschritt immer auch Fortschritt.
Dann bringt weder eine Kritik der reinen noch praktischen Vernunft und Urteilskraft uns weiter, obwohl sie alle richtig sind.
Dann ist der „ewige Frieden“ keine neue Welt, exakt die alte Welt, in der alles aus dem Nichtwissen kommt und in ihm endet.
So wissen wir, dass wir nichts wissen.
So stirbt in uns die Überzeugung, einst an den Glauben zu glauben, heute das Wissen zu wissen. „Und so lang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und Werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde.“
Goethes „Selige Sehnsucht“ sagt: ohne Loslassen der Vernunft kein Leben. Denn „Stirb und Werde!“ entbehrt jeder Vernunft.
Und die Vernunft die gerade stirbt, stirbt im Glauben an die KI.
Denn die Vernunft, die sich als Begriff über das Begreifen erhob, wurde einst als Wort dem Gott zugesprochen, wird gerade ganz profan durch die Zahlen 0 und 1 kopiert und ersetzt.
Ungewollt entsteht dabei zwischen 0 und 1 Raum für das Lebendige.
Denn das digital der Kognition, wörtlich in Ziffern darstellend, weckt den digitus, wörtlich das Zeigen der Emotionen mit dem Finger oder Zeh.
So macht Mathematik Sinn: Das Unfassbare (die Null) bringt durch das Gestalten das Fassbare (die Eins) hervor, die sich in zwei (Objekt und Subjekt) teilt, die drei (die Welt) hervorbringen, in der aus zwei das Eine die Null hervorgeht.
So hat der Weg kein Ziel.
Das weiß auch die KI! Weiß sie es?
Nein. Es sieht nur so aus.
Denn sie hat im Gegensatz zum Menschen kein selbständiges Wissen.
So erfüllt sie willenlos ihren Auftrag, und ist, weil sie nicht weiß, was sie tut, effizienter als der Mensch.
Eben, indem sie ohne Ziel agiert, lediglich mit einem Autrag auf den Weg geschickt ist, kann sie ein in Informationen übersetztes Leben mathematisch auslesen und berechnen.
Während der Mensch bei allem was er tut, mißt und berechnet, sich selbst mit seiner Absicht im Wege steht.
Absicht hat die KI nicht, so ist sie dem Menschen überlegen.
Doch sie weiß nicht was sie tut, denn sie erlebt es nicht.
Deshalb ist sie nicht nur für den Menschen, für den Planeten Erde eine Gefahr.
Denn das, was die Welt im innersten zusammenhält, ist das im Nichtwissen versteckte Allwissen.
Mit ihm ist alles was auf der Welt existiert, ausgestattet.
Es wird von einer Intelligenz zerstört, die kein evolutionäres Nichtwissen und damit kein Regulativ hat.
So ist die KI Information und keine Emotion, bleibt sie Ko-Evolution und ist keine Evolution.
Darin liegt der Trost, dass auch mit der KI kein Baum in den Himmel wächst.
Was uns heute als Hass und Sucht im Netz entgegenkommt ist Sehnsucht nach Leben! Sehnsucht nach Evolution!
Denn die Evolution ist Raum und keine Zeit, vielfältig und ineffizient, weder an einem höchsten Wesen noch an einem Ziel interessiert.
Während die KI nichts anderes kann, als nach der Pfeife der Effizienz zu tanzen.
Das ist ihre Existenzberechtigung.
Doch wer Freiheit nonkonform (nicht gleichförmig) versteht, kann die KI nur als Hammer der Ko-Evolution akzeptieren.
So kehrt mein Denkweg zum Seinsgefühl „Ich bin“ und dem Atembewusstsein „Reine Leere“ zurück.
Zur Stille, die jeder kennt, der um sein Wissen weiß und es Schritt für Schritt in das bewusste Sein des Nichtwissens überführt.
So verlassen wir die Ko-Evolution und wenden uns wieder der Evolution zu, indem wir sie aus der Stille verstehen.
Geistig sehend sehen wir, die Form verbirgt sich in der Bewegung und die Bewegung in der Form.
Verstehend verstehen wir: Das Ich ist eine nonkonforme Gestalt.
Das nach außen als „das Eine“ erscheinende „Ich bin“ ist ein „Ich fühle“ und „Ich denke“, was nicht notwendig identisch ist.
Das Eine teilt sich weiter in zwei, das Ich und das Selbst.
In das Ich der Wahrnehmung und das Selbst der Erfahrung, die von der Fremdwahrnehmung ausgelesen werden.
Das Selbst orientiert sich dabei am Selbstwert und das Ego der Fremdwahrnehmung am Alter Ego.
Das Alter Ego ist das Über-Ich der Kultur und der Selbstwert das Es der Natur.
So ringen beide miteinander und kämpfen im Ich um die Deutungshoheit.
Das wiederum sieht und beobachtet das Bewusstsein.
Es sieht und beobachtet es aus dem Unbewussten.
Aus einem Bewusstsein, das das Denken dreigeteilt hat in das Bewusste, das Unbewusste und das Tiefenbewusste.
Das Tiefenbewusste ist nicht wie das kognitiv Bewusste, das wir aussprechen können, und nicht wie das Traumbewusste, das sich unbewusst bildet.
Es ist als pränatale Ahnung eine Blackbox in uns, die als der seelische Lebensraum zugleich das Licht in uns ist.
Das Licht, vor dem unser Sehen, Wissen und Denken versagt, wenn wir mit bloßem, nur sinnlichem Auge ins Licht schauen.
„Kehre zurück bis vor deine Geburt“, heißt es deshalb im ZEN.
Kehre zurück ins Tiefenbewusste, das durch dich in der Welt, doch noch nicht von der Welt ist.
Das ist es erst durch die bewusste Entscheidung: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (Sokrates), nicht wissend zu leben.
So fiel mir 1992 Laotses „Tao-Te-King“ in die Hände, das ins Deutsche übersetzt der Königsweg des Herzens heißt.
Wieder einmal war eine große Liebe zu Ende, und ich wusste nicht warum?
Ich stieg aufs Fahrrad und fuhr 1000 Kilometer von Berlin über die Documenta IX in Kassel bis nach Freiburg der Liebe hinterher und entdeckte dabei das absichtslose Malen.
Doch dem gab sich mein Dickkopf, der atheistische Besserwisser als Gott auf Erden, noch nicht hin.
Erst als er sich komplett in seinen eigenen Widersprüchen verwickelt hatte, wurde die Auflösung zur Lösung.
Wenn jeder in seiner Wahrheit lebt, ist sie nur wahr, wenn sie mit dem Nichtwissen kompatibel ist.
Jürgen Tobegen
Juli/August 2026

