„Wie geht man geradeaus auf einem Bergpfad, der dreiundneunzig Biegungen hat?“
(Ein altes Zen-Koan)
Die erweiterte Denkweise…
…von der Logik des Denkens zum Logos der Intuition.
I.
Was bleibt, wenn ich alles infrage gestellt habe? Dann bleibt allein das Ich, das alles infrage gestellt hat. So lehrte Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ Doch was hat er dabei vergessen? Sich selbst infrage zu stellen! Wenn wir tatsächlich alles infrage stellen, bleibt nur der Prozess der Infragestellung. Die Gestalt, die das vermag, weil sie ewig ist.
So ist die Gestalt sinnlich und geistig real, doch eine andere Realität als das Wort „Realität“ uns suggeriert. Sie passt in keinen Begriff und ist auch mit Händen nicht zu begreifen.
Sie ist Welle, Teilchen, Fluss, Wind, Licht, Klang, Ahnung, Traum, Raum …, von denen auch das moderne wissenschaftliche Denken heute ausgeht und aus ihnen die großen Zusammenhänge folgert. Doch nicht nur das kleinste Teil, auch der große Zusammenhang ist ein merkwürdiges Ding. Greifen wir nach dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ist der Logos weg.
So können wir die kleinsten Teile weder sinnlich sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Wir sind auf Instrumente angewiesen, die uns Bilder zeigen, die sie für uns konstruieren. Das Choronavirus hat nie so ausgesehen, wie es anschaulich gemacht wurde. Viren sind für uns nicht sichtbar. Die Gestalt hat keine Form, sie ist eine Bewegung. Und die Form für das Große und Ganze ist eine Konstruktion die der Mensch sich selbst erschaffen hat, indem er den Dingen einen Namen gab. Einst drehte sich alles um die Erde, dann entdeckten wir das Universum, nun sind wir nur Teil von Multiversen.
So leben wir in einer von uns selbst konstruierten Welt und verwechseln die Kopie mit dem Original. So glauben wir an ein Ding an sich und für sich, das wir selbst bestimmen können als Paradies, das einst am Anfang war und nun als Zukunft auf uns wartet. Und wollen so nicht wahrhaben, das alles in Abhängigkeit zum Gegenteil existiert, es durch den Gegensatz bedingt ist. Das Licht tritt aus dem Schatten, der Wind aus der Ruhe, die Welle aus dem Meer, das Teil aus dem Ganzen, das Ganze aus den Teilen, der Fluss aus der Quelle, der Klang aus der Stille, die Ahnung aus dem Ereignis, der Raum aus dem Traum hervor und ist dabei stets eine neue Qualität, nicht nur das Gegenteil.
Mit unseren Händen und dem Verstand tasten wir uns an die Dinge heran. Wir sind auf der richtigen Spur. Doch dann erliegen wir der Illusion, der Tastsinn könne sie erkennen oder gar gestalten. Wir erleben, dass die Meere und die Atmosphäre sich erwärmen, wir sehen, dass das Eis schmilzt und erkennen an Hand von Klimadaten, dass die Co2 Emissionen durch das verbrennen fossiler Rohstoffe der Grund ist. Der analytische Tatsinn lügt nicht. Er erkennt die Gestalt auf den Punkt genau. Doch dann glaubt er, mit den von ihm erhobenen Daten den Klimawandel gestalten, ihn umkehren zu können und erreicht das exakte Gegenteil. Weil die Ursache die Wirkung bestimmt, doch wie sie es macht, das weiß das Wissen nicht, das weiß nur das Dazwischen, und das kennt weder die Ursache noch die Wirkung. Denn der Mensch hat die Naturgesetze gemacht, nicht die Natur. So bestimmt das Sein in der Natur das Bewusstsein, doch das Bewusstsein der Naturgesetze nicht das Sein. So geschieht stets das Gegenteil. In der Krise erleben wir die Krisis als Goethes Mephisto, als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Den anderen Blick auf das Sein, statt vom Dasein vom Dabeisein aus.
II.
Denn das Dasein blickt auf das Sein und sieht es nicht, denn die Gestalt des Seins entzieht sich einem Wissen, das nur sich, das Dasein und nicht sein Dabeisein sieht, so wird das Sein von keinem Begriff erfasst. Nie geboren, nie gestorben ist und bleibt das Sein ewig. Ewig das Nichtwissen. „So ist das Leben“, sagen wir. Denn die Gestalt ist das Leben. Und als Lebende wissen wir nicht, was das Leben ist, und können mit den Verstorbenen darüber nicht sprechen. So will die Gestalt Mensch, weil sie sich erinnern kann, wissen, wer er und was der Logos ist, und behauptet sich dafür auf zwei Beinen stehend mit Kopf und Fuß als Chronist.
Bevor das Archiv entstand, kannte der Mensch nicht diese Eigenart. Er nahm sich nicht so wichtig. Oder dachte mit Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Das änderte sich, als der Mensch mit der Erfindung von Schrift und Zahl in seine Zeit eintrat. Gefühlt ist das Leben ewig hier und jetzt, davor danach. Alles ist in Bewegung, alles mittendrin. Zeit entsteht erst durch den Point of no return, der den Logos zur Logik feststellt. Und dieser Punkt ist für uns die Geburt oder der Tod. So gibt es Kulturen die von der Geburt aus denken und sich mit der „Mutter Erde“ horizontal mittendrin im ökologischen Kreislauf des Lebens sehen und Kulturen, die ökonomisch vertikal himmelwärts denkend den Tod überwinden wollen. Idealistisch durch den Vater im Himmel, materialistisch durch den Mensch auf dem Mars.
III.
Ökonomisch gedacht wurde die Zeit bereits in der griechischen Antike zum „Chronos“, zur quantitativ meßbaren Zeit aus Vergangenheit (dem Davor) und Zukunft (dem Danach), sowie dem „Kairos“ der qualitativen Gegenwart, in der es zur Entscheidung kommt. Dabei blieb das Gefühl sich selbst, dem „Panta rhei“ alles fließt treu, gibt aber seine Geschichten dem Verstand als Ufer preis, sodass die gefühlten Ewigkeiten, Lebenszeiten, Gezeiten, Tageszeiten, Jahreszeiten in den Hintergrund der einen linearen Zeitgeschichte treten, aus der der Verstand als Graf des Chronos, als Chronograf der Logik hervorgeht. Die Logik wiederum war zunächst an die Fähigkeiten der Hand gebundene, eine das menschliche Leben gestaltende „téchne“, die wir auch bei Tieren beobachten können. Die sich durch das Nutzen von Werkzeugen auf das zu bearbeitende Ding übertrug, so dann mit der Entdeckung der Mechanik zur Technik wurde, deren unsichtbar Werdung wir gerade mit der Digitalisierung und KI erleben. Im gleichen Prozess wanderte der Mensch vom Land in die Städte, wurden aus Stämmen Völker und Nationen, ging aus ihnen die globale Menschheit hervor. Hegel nannte den Quantensprung „Historie“ und warnt im gleichen Atemzug vor ihr: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr; denn sie sind die Perioden der Zusammenstimmung.“
So trennte der Mensch als Schöpfer der Zeit sich nicht nur vom Tier, er trennte zugleich in sich Gefühl und Gedanke, löste den Geist vom Körper und erhob sich als das gebildete Ich („homo sapiens“) über sein niederes triebgesteuertes Es („homo animalis“). Die Entfaltung der Handarbeit bildete das Gehirn und im Gehirn den Verstand heraus, sodass das Begreifen in Begriffe gefasst werden konnte, die es dem Denken ermöglichten aus der Vergangenheit heraus Zukunft zu entwickeln. Dabei war den Menschen in der Antike die Vergangenheit noch vor Augen und in ihrem Denken die Zukunft hinter ihnen, das veränderte die Maschinenarbeit zur Moderne. Mit dem Auto vor Augen sah der Mensch nun die Zukunft als Fortschritt vor sich, der durch nichts aufzuhalten ist. Dagegen wäre ja nicht zu sagen, wenn der Fortschrittsglaube die Folgen seines Handelns genauso reflektieren würde, wie seine Absicht. Das Gegenteil aber ist der Fall: Nach mir die Sinnflut!
So kam es zur Umwandlung der evolutionär horizontal vorhandenen Polarität in eine zivilisatorisch dualistisch gedachte, entsteht eine Vertikalspannung, die mit ihrem Höher, Schneller, Weiter ein Ding an sich und für sich produziert: Die Überwindung des Todes. Und bringt dabei als das absolut Gute das absolut Böse hervor: Die Ausdifferenzierung des Menschen in Geschlechter, Rassen und Klassen. „Lernen, nicht gut zu sein.“ (Machiavelli). So wurde die Zivilisation, die Verwandlung der Natur in eine Kultur, blutig erkämpft; war der Fortschritt in den alleinigen Gott als das Über-Ich auf Erden nur in Missionierungskriegen zu haben; musste die Aufklärung von eben diesem Gott zwangsläufig zum Ego als das absolute Ich auf Erden werden.
IV.
Das Patriarchat hat sich zunächst durch Großreiche, dann durch die Kolonialisierung der Kontinente als absoluter Herrscher erwiesen. Mit der Ausbeutung der fossilen Rohstoffe brachte es den Imperialismus hervor, der mit der Industrialisierung des Krieges die Neuaufteilung der Welt anstrebt. Dabei werden mit dem ehrenden Ziel, Wohlstand für alle zu schaffen, die Grenzen der Belastbarkeit des Planeten Erde in immer kürzerer Zeit überschritten. Tatsächlich werden die Reichen immer reicher und die Armen können sich nur durch Überbevölkerung am Leben erhalten.
Weil dem so ist, verspricht nun die Ko-Evolution der KI dem Menschen eine „dritte Natur“. Die Besiedlung des Weltraums durch eine Evolution auf dem Mars. Könnten die Berge als die ältesten Zeugen der ersten Natur sich vor Lachen schütteln, wäre der Mensch fortan ein schräger Vogel, der kein Boden unter seinen Füßen hat. So absurd hat Camus nicht denken können, als er dachte, das Leben sei absurd. So absurd ist der Mensch geworden. So absurd haben ihn die schönen Künste, die Kunst, sich ein künstliches Leben zu erschaffen, gemacht.
V.
So ist es heute notwendig aus diesem Wahnsinn auszusteigen und wieder eine Nicht-Kunst zu schaffen, die nicht ihren Platz im Archiv, ihren Platz im Leben hat. Das Leben lebt, egal ob der Lebende lebt. Es ist mehr, als der Lebende erleben kann. Das Leben ist unser Nichtwissen. Das Nichtwissen ist das Größte, ihm hinkt jedes Wissen nur hinterher. Wir können es nicht wissen, wir können es nur durch unser Nichtkönnen berühren. Schon ist es im Wissen verschwunden. Wissen ist Macht und Nicht-Wissen die Freiheit, unser Glück, die Liebe und das Schöne.
So wissen wir es alle und handeln nicht danach. So wissen wir alle, dass die Menschheit am Abgrund steht und fürchten, dass der Fortschritt in den Abgrund uns leichter fällt als die Kehre. Denn das Leben, so wissen wir aus Erfahrung, kennt nur eine Richtung. Es schreitet voran. Und das Voranschreiten ist der Fortschritt. Zurück ist der Rückschritt. So schließt die Logik den Widerspruch aus und denkt sich das Leben wie eine Rakete bis ins Ziel linear. Doch was ist das Ziel? Das ewige Leben in der Unendlichkeit? Unsterblich in einem sterblichen Körper? Wie soll das gehen?
So stellt der Wunsch nach Unsterblichkeit plötzlich die Frage: Was ist, wenn das Leben nicht nur widersprüchlich auch noch kreisförmig ist? Dann wäre der Anfang identisch mit dem Ende und das Ende identisch mit dem Anfang, obwohl es in sich linear ist und bleibt. Dann ist ein Fortschritt immer auch Rückschritt und ein Rückschritt immer auch Fortschritt. Dann bringt weder eine Kritik der reinen noch praktischen Vernunft und Urteilskraft uns weiter, obwohl sie alle richtig sind. Dann ist der „ewige Frieden“ keine neue Welt, exakt die alte Welt, in der alles aus dem Nichtwissen kommt und in ihm endet.
So wissen wir, dass wir nichts wissen und beenden endlich den Wahnsinn: „Wissen ist Macht“. So stirbt in uns die Überzeugung, einst an den Glauben zu glauben, heute das Wissen zu wissen. „Und so lang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und Werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde.“ Goethes „Selige Sehnsucht“ sagt: ohne Loslassen der praktischen Vernunft kein Leben. Denn die reine Vernunft auf Erden, das „Stirb und Werde!“, entbehrt der praktischen Vernunft. Kant hat versucht, mit dem „Kategorischen Imperativ“ die reine Vernunft a priori in der praktischen Vernunft zu verankern, doch musste selbst konstatieren, dass im Primat des Zwecks die reine Vernunft verloren ist. So schlägt er in der „Kritik der Urteilskraft“ eine „erweiterte Denkungsart“ vor, schafft es aber nicht, sie aus der Ästhetik heraus zu entwickeln. So stirbt im Glauben an die KI gerade vor unser aller Augen der Glaube an die praktische Vernunft.
VI.
Denn das, was Kant als „reine Vernunft“ ansah und bei Hegel der „Weltgeist“ ist, war in der griechischen Antike die reine Vernunft „Nous“ oder der „Logos“, im fernöstlichen Denken das „Tao“ oder „Dharma“. Stets eine Lehre der Leere, die weder zu begreifen ist, noch in Begriffe passt. Die Weisheit vom namenlosen Anfang: „Was ohne Namen, ist Anfang von Himmel und Erde.“ (Tao-Te-King). Selbst in der Bibel ist der Anfang leer, doch hier ist die Leere „wüst und finster“ ein Nichts und kein Raum der Selbstentfaltung, aus der die Polarität zwischen sichtbar und unsichtbar unsere Natur entstehen lässt. Das dualistische Denken braucht einen Schöpfer, einen Demiurg oder Autor, der der Frage die Antwort gibt. So dient was ist und Namen hat dem Besitz und was nicht ist und keinen Namen hat folgt dem Klang. In ihm sieht der Apostel Johannes das Wort Gottes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Mit einem Basta war das Unerklärliche aus der Welt verschwunden und durch eine unerklärliche Menschwerdung des Gottessohnes erklärbar. So erhob sich die praktische Vernunft durch Unvernunft über die reine Vernunft, der Begriff über das Begreifen und steigt auf zum Heiligen, das gerade ganz profan durch die Zahlen 0 und 1 kopiert und ersetzt wird. Ungewollt entsteht dabei zwischen 0 und 1 Raum für das Lebendige. Denn das digital der Kognition, wörtlich in Ziffern darstellend, weckt den digitus, wörtlich das Zeigen der Emotionen mit dem Finger oder Zeh.
So erleben wir gerade das Ende einer Epoche, in der niemand sagen kann, was das Ziel ist. So wird zur „Götterdämmerung“: Der Weg hat kein Ziel. Die Utopie erwächst heute aus der Dystopie. Die Zukunft kehrt zurück hinter unseren Rücken und die Vergangenheit wieder vor unsere Augen. In der Geschichte der Menschheit sind das nicht die schlechtesten Zeiten oder wie Hegel sich ausdrückte:„Die Perioden des Glücks sind leere Blätter (…), denn sie sind die Perioden der Zusammenstimmung.“ Das weiß auch die KI! Weiß sie es? Nein. Es sieht nur so aus.
Die KI hat im Gegensatz zum Menschen kein selbständiges Wissen. Sie erfüllt willenlos ihren Auftrag, und ist, weil sie nicht weiß, was sie tut, effizienter als der Mensch. Eben, indem sie ohne Ziel agiert, lediglich mit einem Autrag auf den Weg geschickt ist, kann sie ein in Informationen übersetztes Leben mathematisch auslesen und berechnen. Während der Mensch bei allem was er tut, mißt und berechnet, sich selbst mit seiner Absicht im Wege steht. Absicht hat die KI nicht, so ist sie dem Menschen überlegen. Doch sie weiß nicht was sie tut, denn sie erlebt es nicht. Deshalb ist sie nicht nur für den Menschen, für den Planeten Erde eine Gefahr. Denn das, was die Welt im innersten zusammenhält, ist das im Nichtwissen versteckte Allwissen. Mit ihm ist alles was auf der Welt existiert, ausgestattet. Es wird von einer Effizens zerstört, die kein evolutionäres Nichtwissen und damit kein Regulativ hat. So ist die KI Information und keine Emotion, bleibt sie Ko-Evolution und ist keine Evolution. Was uns heute als Hass und Sucht im Netz entgegenkommt ist Sehnsucht nach Leben! Sehnsucht nach Evolution! Denn die Evolution ist Weite und keine Zeit, vielfältig und ineffizient, weder an einem höchsten Wesen noch an einem Ziel interessiert. Während die KI nichts anderes kann, als nach der Pfeife der Effizienz zu tanzen. Das ist ihre Existenzberechtigung. Doch wer tatsächliche und nicht nur virtuelle Freiheit will, kann die KI nur als Hammer der Ko-Evolution akzeptieren.
VII.
So kehrt mein Denkweg vom analytischen Zerlegen in Ursache und Wirkung zum Betrachten des Dazwischen, vom Schwarz-Weiß zu den Zwischentönen oder vom „Eins teilt sich in zwei“ zur Dialektik: „These – Antithese – Synthese“ zurück. Endlich, indem wir die Ursache als These und die Wirkung als Antithese verstehen, Hegel sagt sogar, dass die Frucht als Antithese eine Negation der Blüte als These ist, realisieren wir die Synthese nicht länger als „Kompromiss“, fortan als „Ekstase“, „Bewegung“, „Selbstentfaltung“, „Werk“ oder „Weg“, die wir kennen, doch nicht erkennen, weil wir Teil von ihnen sind. Der Teil, der die Tradition als „Flamme“, gegen den Teil, der die Tradition als „Asche“ versteht, behauptet und nicht mehr Untertan von Gut (These) und Böse (Antithese) sein will. Und noch viel mehr. In der Synthese ist das menschliche Leben große Weite und nichts Heiliges. Ewiges „Werden“ aus dem Seinsgefühl „Ich bin“ als These und dem „Atembewusstsein“ als Antithese oder der reinen Leere heraus. Aus der Stille, die jeder kennt, in der das Wissen sich in Nichtwissen und der Glaube in den reinen Geist verwandelt.
So verlassen wir die Ko-Evolution und wenden uns wieder der Evolution zu, indem wir sie aus der Stille verstehen. Geistig sehend sehen wir, die Form verbirgt sich in der Bewegung und die Bewegung in der Form. Verstehend verstehen wir, was das „Erkenne dich selbst“ uns zu sagen hat. Das Ich ist eine nonkonforme geistige Gestalt. Die nach außen als „das Eine“ erscheint und im inneren „Ich bin“ sich in ein „Ich fühle“ und „Ich denke“ unterteilt, die nicht notwendig identisch sind. Denn wir können etwas anderes meinen, als wir denken, anders handeln als wir sagen, lügen indem wir sprechen.
So teilt sich das Eine weiter in zwei, in das Ich und das Selbst. In das Ich der Wahrnehmung und das Selbst der Erfahrung, die als Sage von der Aussage, von der Fremdwahrnehmung ausgelesen werden. Das Selbst orientiert sich dabei am Selbstwert, dem Es der Natur und das Ego am Alter Ego, dem Über-Ich der Kultur. So ringen beide miteinander und kämpfen im Ich um die Deutungshoheit. Das wiederum können wir geistig wahrnehmen und sehen. Doch wer oder was sieht das?
VIII.
Der Geist. Doch wo und was ist der Geist? In uns und nicht in uns: Die ewige Gestalt. Das pränatale Du. Das große Andere, durch das wir uns selbst erkennen. Denn wir kennen uns, doch nur halb, erkennen uns nur ganz im und durch das Andere, indem die Selbstwahrnehmung auf die Fremdwahrnehmung trifft. Auf ein neuronales Netz, das mit uns funkt und sich als solches bereits im Mutterleib herausgebildet hat und uns durch Mitgefühl mit allen Wesen verbindet und den Grundstein für die Hardware legt, die postnatal mit der Herausbildung des Gehirns aufgestockt und durch Bindung mit Software aufgeladen unser Denken, das geistige Haus bildet, aus dem wir ins Leben starten. Dieses Tiefenbewusstsein ist vergessen, indem die kognitive Logik es in zwei, das Bewusste und das Unbewusste, teilt.
So herrscht die kognitive Logik über den intuitiven Logos, weil das pränatal unbewusste Du postnatal kein Ort ist, der lokalisierbar wäre, und kein Raum ist, wie der Traum, der sich unbewusst zwischen das pränatale und postnatale Geschehen schiebt. Es ist das Ewige, das uns trägt, indem es nicht erkannt werden kann. So ist und bleibt das pränatale Du als Ahnung eine Blackbox in uns, die als seelischer Lebensraum zugleich das Licht in uns ist. Das Licht, vor dem unser Sehen, Wissen und Denken versagt, wenn wir es mit bloßen, nur sinnlichen Augen betrachten.
„Kehre zurück bis vor deine Geburt“, heißt es deshalb im ZEN. Kehre zurück ins pränatal Bewusste, das durch uns in der Welt, doch noch nicht von der Welt ist. Das ist es erst, wenn ein weiterer point of no return in das Leben eintritt. Mit dem das pränatale Du, das „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sich in die grundlose Freude über das Glück auf Erden verwandelt. Denn das Leben ist ein unendlicher Prozess, den Goethe „Stirb und Werde!“ genannt hat. Schon in der Geburt stirbt das Leben im Mutterleib, und mit jeder Nacht der Tag, der aus der Nacht wieder geboren wird. Bis wir eines Tages das „Stirb und Werde!“ satt haben, der Hunger und Durst nach ihm erloschen ist und wir uns in den reinen Geist verabschieden.
IX.
So fiel mir 1992 Laotses „Tao-Te-King“ in die Hände, das ins Deutsche übersetzt der Königsweg des Herzens heißt. Wieder einmal war eine große Liebe zu Ende, und ich wusste nicht warum? Ich stieg aufs Fahrrad und fuhr 1000 Kilometer von Berlin über die Documenta IX in Kassel bis nach Freiburg der Liebe hinterher und entdeckte dabei das absichtslose Malen. Doch dem gab sich mein Dickkopf, der atheistische Besserwisser als Gott auf Erden, noch nicht hin. Erst als er sich in seinem Streben durch Logik alles zu wissen, sich komplett in seinen eigenen Widersprüchen verwickelt hatte, und mir nur das Loslassen der Logik blieb, wurde die Auflösung, der Logos zur Lösung.
X.
Wenn jeder in seiner Wahrheit lebt, ist sie nur wahr, wenn sie mit dem „ewigen Du“ (Martin Buber) kompatibel ist.
„Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine größten Werke werden vollbracht, wenn er nicht denkt.“ (D.T. Suzuki)
Jürgen Tobegen
Oktober 2026

